Vor genau einem Jahr kehrte ich Windows den Rücken

Vielen stinkts einfach von Windows. Sie sind genervt von erzwungenend Updates, genervt von ihrem langsamen Computer, genervt von der Komplexität, die Windows mit sich bringt. Aber es gibt einen Ausweg, einen sehr attraktiven Ausweg, wenn man sich darauf einlässt und offen für neue Ideen ist. Und nein dieser Ausweg heißt nicht Apple. Er heißt Linux.

Vorgeschichte

Als 2011 unser damaliger Computer den geist aufgegeben hat, haben wir den zu einem befreundeten Ingenieur gebracht, der sich recht gut mit Computern auskennt. Nach einer Weile haben wir den damals echt langsamen Computer mit 1Ghz single core Prozessor und 1GB RAM bestückten Rechner zurück bekommen. Die Festplatte war kaputt, die hat er ausgetauscht. Aber neben der Windows XP Wiederherstellungs CD gab er uns noch eine frisch gebrannte Ubuntu Installations DVD mit. Kommentiert hat er das ganze mit „Das läuft eventuell besser aus dem alten Teil, als das Windows XP.“ Und so hab ich das mal ausprobiert und kam zu meinem ersten Kontakt mit Linux. Gefallen hat es mir, plötzlich konnte man wieder was anfangen mit dem Teil. Und innerhalb kürzester Zeit hab ich das System da drauf zerschossen mit meiner Spielfreudigkeit. Ich hab mich auch umgeschaut, was Linux ist und wo das eingesetzt wird. An Computern war ich schon immer interessiert. Und so folgten zwei weitere Jahre, ich die damit verbrachte, mit diesem Computer rumzuspielen. Wir hatten zwar recht bald wieder einen funktionierenenden Laptop, aber den hab ich nicht oft bekommen. Und so war meine einzige Möglichkeit, einen eigenen Computer zu besitzt und damit herumzuspielen, dieses Gerät.

An Servern war ich auch schon immer interessiert, ich fand das spannend, so was einzurichten, also hab ich auch damit herumexperimentiert. Apache2 installiert, eine Website improvisiert. Aber noch viel mehr Einsatz hatte Linux dann auf einem Rechner, den wir von irgendwoher geschenkt bekommen hatte. War auch nur ein single core, aber mit 3,4GHz. Damit konnte man schon was machen. Ich wollte eine Installation, die wenig Leistung braucht und mit der ich möglichst viel machen kann. Dafür war Linux perfekt geeignet. Mit Fluxbox als Fenstermanager und selbst eingerichtetem Desktop hatte ich sehr schnell den Dreh raus, wie man 1080p YouTube auf meinem damals neu gekaufen Monitor schauen kann, ohne dafür viel Leistung zu brauchen. Irgendwann kam dann noch eine neue Grafikkarte dazu und das Teil wurde mit damals noch XBMC (heute heißt das Kodi Media Center) als Entertainment-Box verwendet. Musik hab ich damit gehört, YouTube hab ich geschaut. Aber vorallem hab ich eines geschafft: Mir meinen Traum eines eigenen Computers erfüllt. Völlig kostenlos, völlig selbstständig, mit alter Hardware, die man sonst weggeschmissen hätte.

Als ich dann zu meinem 14 Geburstag einen richtigen Computer bekommen hab, hab ich auch darauf mit Linux herumgespielt. 2014 war das ernsthafte Hardware: Ein Core i7-4790, 8GB RAM und eine NVidia GTX 970 Gigabyte Windforce Edition. Damals kam nur Windows 7 in Frage, es war ein spektakuläres Betriebssystem mit allem, was ich brauchte und allem, was ich wollte. Ubuntu 14.04 hab ich jedoch immer auch auf einer extra Partition gehalten und hab auch öfter mal darin rumgespielt. Es jedoch nie Ernst genommen, Linux war für mich immer noch besser für alte Hardware und spielen konnte ich damit leider (noch) nicht. Mein Upgrade auf Windows 10 hab ich bis 2016 rausgezögert. Anfang 2016 hab ich es allerdings dann doch durchgeführt, weil ich ganz einfach ein aktuelles, kostenloses Betriebssystem bekommen hatte, das immer noch alles konnte, was ich wollte. Aber mit jedem Windows Update wurde die Geschichte schlimmer. Was mich von Windows 10 ferngehalten hatte, war nämlich diese schreckliche Updatepolitik, aber ich hab es auf mich genommen, wollte die Chance nutzen, kostenlos ein aktuelles System zu haben. Ende 2016 hab ich sogar beim Neuaufsetzen des Computer diese Partition ganz gelöscht, weil ich einfach selten drin war und die 30 GB mehr auf meiner kleinen 250GB SSD gerade recht waren.

So viel zur Vorgeschichte. Ich hatte also schon immer Linux im Hinterkopf und war ein wenig vertraut damit, aber so richtig ernst als Alternative hab ich es nicht genommen. Das sollte sich allerdings ändern, als ich mehrere Linux YouTube-Kanäle gefunden hab, die gezeigt haben, wie die aktuelle Entwicklung von Linux ist und wie sehr es eine immer attraktivere Alternative wird. Auch beim Gaming hat sich was getan, Valve wollte viele Technologien, die es ermöglichen, Windows Spiele unter Linux auszuführen, in ein Programm zusammenfassen, das mit Steam mitgeliefert werden soll. Dieser und weitere andere Gründe führten dazu, dass ich ernsthaft in Erwägung zog, Linux nochmal eine Chance zu geben.

Mein Weg hin zu einem 100%igen Linux-Alltag, kann man in Folgende drei Bereiche unterteilen:

Boah, mir reicht’s, raus hier

Anfang 2018 entschied ich mich dann, diesem Blödsinn namens Windows endgültig den Kopfschuss zu geben. Ich wollte mich nicht mehr Unterdrücken lassen. Mir wurde das alles zu Anstrengend. Windows tat nicht mehr, was ich wollte, es machte, was Mircrosoft will. Die Telemetry Geschichte hat mir gar nicht gefallen und es musste einfach was anderes her, das benutzerfreundlicher und umgänglicher ist. Da kam mir Linux wieder in den Sinn.

Wie oben schon erwähnt, war mir also Linux von der Kindheit an schon immer ein Begriff. Dieser Begriff war mit Experimentieren, Überraschungen, Momenten des Erfolgs, aber auch Momenten des Misserfolgs und von Frust umgeben. Aber ich wollte ausprobieren, ob es tatsächlich möglich ist, einen Großteil meines Computeralltags auf Linux umzustellen.

Gaming hab ich dabei erstmal hinten angestellt, dafür hab ich meine Windows SSD behalten. Für Linux gab es eine extra 128GB SSD, die von einem anderen Projekt noch rumgelegen ist. Vorallem meinen Multimedia-Konsum und mein Webbrowsing wollte ich unter Linux relisieren, also waren die wichtigesten Punkte:

  • Chrome zum Laufen bekommen
  • einen Media Player, der an MPC-HC rankommt, einrichten.

Entschieden hab ich mich dann für Ubuntu 16.04 GNOME Edition. Eigentlich sollte es Debian werden, aber ich hatte massive Probleme, meine Grafiktreiber zum Laufen zu bekommen. Im Nachhinein weiß ich sogar, was das Problem war, aber damals war ich noch nicht so weit. NVidia is to blame, aber darauf gehe ich später noch genauer ein.

Chrome, ja das war kein Problem, konnte man ja aus einer PPA installieren und mit der Kommandozeile war ich schon etwas vertraut, vor allem apt wusste ich nach den paar Debian Unfällen zu benutzen. Dass es Chromium gibt, die Open Source Version von Google Chrome mit der gleichen Blink Engine, das man direkt über das Paket chromium-browser installieren konnte, das wusste ich damals noch nicht.

Als Media Player sollte es mpv werden. Klein, Schlank, Einfach zu bedienen, bisschen ungewohnt mit Konfigurationsdatei einzurichten, aber hatte trotzdem eine Möglichkeit, GPU-Shader zum hochskalieren des Videos zu benutzen, so wie MPC-HC und Konfigurationsdateien schreckten mich nicht ab, im Gegenteil.

Was bis zuletzt noch gefehlt hat, das war mein geliebter foobar2000, mein Musik Player. Aber auch dieses Problem konnte ich lösen indem ich den Music Player Daemon gefunden hab, der sich mit dem Gnome Music Player Controller steuern ließ. Diese Kombination ermöglichte es zudem, mit meinem Smartphone das ganze mit einer kostenlosen App zu steuern.

Das war also alles geschafft und ich hab mich langsam eingelebt in Linux. Hab rumexperimentiert und erkundet, was denn so alles möglich ist und hatte meinen Spaß. Mehr Spaß als unter Windows. Für Spiele wie Osu und Overwatch, die einzigen Spiele, die ich aktiv spiele, musste ich allerdings Neustarten und Windows benutzen, diese hatte ich noch nicht zum laufen gebracht.

Der GNOME-Desktop war definitiv die richtige Entscheidung für meinen Workflow, der sehr Mausgebunden war. GNOME Bedient sich komplett anders als Windows mit einer grundlegend anderen Idee und es sagte mir sehr zu. Alles war mit einem Kopfdruck an einem Ort und war nicht im Weg, wenn ich es nicht gebraucht hab. Den Produktivitätsschub, den ich dadurch bekommen hab, war spürbar.

Mh, das ist gar nicht schlecht – comfy

Ich kam also zu dem Entschluss, dass Linux für Produktivität und Arbeiten inzwischen das absolut überlegene OS war und so kaufte ich mir einen Laptop. Dafür gibt es sogar einen eigenen Beitrag. Aber im Grunde wollte ich ein Gerät, das leicht ist, viel Akku und nicht zu wenig Leistung besitzt und außerdem wollte ich Windows gar nicht erst einen Chance geben, weshalb ich mir Manjaro Linux als OS aussuchte. Das ansprechende an Manjaro war, ein Arch Linux installiert zu haben, ohne alles selbst machen zu müssen und gleichzeitig Zugriff auf das Arch User Repository zu bekommen. Den Tipp für Manjaro bekam ich von Leuten, die mir aus meiner Fansubzeit geblieben sind, die sich auf einem Discord-Server versammelt hatten, wo es um Videoencoding ging. Mein Vorhaben war sehr leicht unter Linux umzusetzten, aber das Arch User Repsitory brauchte ich dafür. Auf meinem großen Computer hatte ich noch keine Zeit, komplett umzusteigen, aber die Live-Version hab ich ausprobiert und es hat mir sehr zugesagt, also hab ich das auch gleich auf meinem Laptop eingesetzt.

Ja, das AUR (Arch User Repository), eine Welt, die sich mir da aufgetan hat, die so vieles so viel einfacher gemacht hat. Die Idee ist wirklich einzigartig und wirklich toll: Man erstellt einfach eine Datei mit Anweisungen für einen AUR-Helper, wie er ein Programm zu kompilieren hat. Im Prozess wird dabei direkt eine Paket-Datei erstellt, die sich mit dem Package Manager des jeweiligen Systems installieren lässt. Unter Arch Linux basierten Linux Distributionen ist das pacman. So lässt sich ein selbst kompiliertes Programm auch leichter wieder entfernen. Die Abhängigkeiten erfüllt der AUR-Helper für einen und in den meisten Fällen ist die Installation so einfach, wie das installieren eines Paketes aus dem offiziellen Paketquellen.

Aber das war nicht alles. Zusätzlich hab ich einen YouTube Kanal eines Linux-Benutzers (Luke Smith) gefunden, der wirklich einzigartie Programm gezeigt hat. Innerhalb kürzester Zeit lernte ich mit vim umzugehen, experimentierte mit anderen Terminal-Programmen herum und brachte mir Grundkenntnisse mit LaTeX bei. Einen wirklich tollen Fenstermanager hab ich auch entdeckt, den ich zwar heute nicht mehr benutze, aber einen, der fast komplett gleich funktioniert, nur kein xorg mehr benutzt, einen sogegannten tiling window manager. Auf einem Laptop ist das unschlagbar, wenn man mit der Tastatur Programme zwischen Workspaces hin und herschieben kann und gleichzeitig auch das Anordnen der Programme mit der Tastatur steuern kann. Griffwechsel zwischen Tastatur und Maus sind so viel geringer, was die Produktivität wiederrum steigert.

Das Problem mit Gaming hab ich dann auch irgendwann halbwegs gelöst, als ich Overwatch endlich über Lutris zum laufen gebracht hab und so zumindest dieses Spiel unter Linux spielen konnte. Mit DXVK (DirectX Vulkan) war es sogar mit fast der gleichen Leistung wie unter Windows spielbar.

Das Leben ist entspannt unter Linux, aber es sollte noch mehr kommen:

Wow, ich will nie wieder zurück

Das beschreibt die letzte Phase in meinem Linux-Experiment, denn ich will wirklich nie wieder zurück.

Nachdem ich einige Seiten gefunden hab, die mein Audio-Verzögerungsproblem mit Osu! gelöst haben, stand dem völligen wechsel nichts mehr im Wege. Ich konnte plötzlich alles unter Linux machen, was ich auch unter Windows konnte. Zwar nicht mit dem gleichen Programmen und auch nicht auf die gleiche Art und Weise, aber definitiv einfacher und produktiver. Das ist es, auf das man sich einlassen muss, dann ist der Umstieg auch sehr schmerzlos. Linux ist nicht Windows und es funktioniert auch grundlegend anders.

Tatsächlich hab ich sogar eine wesentlich niedrigere Audio-Verzögerung erreicht unter Linux, als es unter Windows je möglich wäre in dem besagten Spiel. Meine Steam Spielen waren auch überhaupt kein Problem. Dank Steams Erfolgen mit SteamPlay und Proton war es problemlos möglich, einen Großteil meiner Windows-Steam-Spiele auch unter Linux zu spielen.

Den absoluten Höhepunkt würde ich den Kauf eine neuen Grafikkarte benennen, mit dem ich endlich meine NVidia Grafikkarte ersetzten konnte, die eigentlich nur Probleme unter Linux gemacht hat dank der Tatsache, dass sich NVidia weigert, mit der Linux-Cooperation in Bezug auf Grafiktreiber zusammen zu arbeiten. Mit einer NVidia Grafikkarte ist man an Xorg gebunden, einen Displaymanager, der eine absolute Kathastrophe darstellt. Seit einigen Jahren wird an dem Nachfolger, der diese ganze Geschichte von Grund auf besser macht, namens Wayland gearbeitet. Diesen hatte ich mit dem Fenstermanager sway und unter der Wayland fähigen GNOME-Version auf meinem Laptop ausprobiert und wayland erlaubte es mir, meinen 2160p (4K) Monitor endlich in seinem vollem Umfang zu nutzen und endlich mit dabei zu sein, beim Zuschauen von der stetigen Entwicklung dieses zukunftsfähigen Displaymanagers.

All dies und der Fakt, dass sich Osu! unter Linux sogar besser spielen lässt, werden mich wohl für immer auf der Linux Seite halten. Desktop-Computer sind vorm aussterben bedroht, weil mobile Geräte wie Smartphones und Tablets die Welt überfluten und auch schon Schulen und den Arbeitsbereich einnehmen. Windows wird meiner Meinung nach nur noch benutzt, um Kompatibilität mit Software zu gewährleisten, die kein Linux unterstützt, und das in VDIs, also virtueller Desktop-Infrastruktur.

Jedem, den dieser Beitrag dazu bewegt hat, sich Linux auch einmal anzuschauen, den ermutige ich dazu, sich eine virtuelle Maschine mit Ubuntu Linux aufzusetzen. Oder einfach mal die Live-Version von Manjaro Linux auf seinem Computer auszuprobieren. Vielleicht gefällt Dir ja, was zu sehen und bedienen wirst.

Bis zum nächsten Beitrag, Lucy.

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